Parentifizierung

Rollenumkehr - wenn Kinder in die Elternrolle schlüpfen

Kinder sollten Kind sein dürfen und in einer Umgebung aufwachsen, die sie durch liebevolle Fürsorge und Zuwendung auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleitet. Dieser Prozess verläuft Prozess aus unterschiedlichsten, auch kulturellen Gründen, selten reibungslos. In Familien übernehmen zunehmend Kinder die Verantwortung für ihre infantilen, nur geringfügig reflektierten Elternteile. Parentifizierung ist ein Phänomen, welches in diesem Kontext mit steigender Tendenz an Bedeutung gewinnt. Der Begriff der sozialen Rollenumkehr beschreibt eine Dynamik, in der Kinder unfreiwillig in die Elternrolle schlüpfen, um die Aufgabe der sichernden und Orientierung gebenden Strukturen der Familie zu übernehmen. Viele Betroffene erkennen erst im Erwachsenenalter, dass sie parentifiziert sind - auch weil diese Menschen häufiger an Stimmungsschwankungen, diffusen Ängsten, anhalternder Niedergeschalgenheit und Antriebslosigkeit leiden, sie sich dadurch in Beratung, Coaching oder Thearpie begeben und so die Parentifizierung erkannt werden kann. Symptome sind hilfreich weil sie die (Selbst)Erkenntnis fördern könne - Symptombehandlung ist jedoch außerordentlich nährwertfrei. Nachfolgende Ausführungen sollen dazu beitragen, nachhaltig Abhilfe zu schaffen Ursachen aufzudecken und an diesen anzusetzen.

 

Erfahre hier mehr darüber, was Parentifizierung ist, welche Formen es gibt, welche Ursachen sie hat und mit welchen Folgen zu rechnen ist. Darüber hinaus, welche Möglichkeiten es gibt, aus diesen dysfunktionalen Beziehungsmustern auszusteigen, deren Re-Inszenierung zu unterbinden und wachsender transgenerationaler Übertragung entgegenzuwirken.


Inhalte im Überblick

  • Was ist Parentifizierung? Definition Bedeutung, Ursachen und Folgen
  • Signale, Hinweise und Anzeichen von Parentfizierung erkennen
  • Spätfolgen - Umgang mit Parentifizierung im Erwachsenenalter
  • Lösungen zur Überwindung dieses destruktiven Kindheits-Prägungsmusters
  • Ressource Unterstützungsangebot (Beratung, Coaching, Therapie)

 

Was ist Parentifizierung?
Parentifizierung beschreibt eine soziale Umkehr der Rollen in der Herkunftsfamilie: das Kind übernimmt Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die eigentlich den Erwachsenen vorbehalten sind. Der Begriff leitet sich aus den lateinischen Wörtern parentes (Eltern) und facere (machen) ab. Damit wir uns richtig verstehen: selbstverständlich sollen auch Kinder in der familiären Gemeinschaft ihren Beitrag leisten und angemessen kindgerecht Verantwortung übernehmen. Parentifizierung bezeichnet jedoch ein Phänomen, welches die übermäßige Verantwortung von Kindern für die Herkunftsfamilie beschreibt. Dabei rutschen Kinder unbewusst in eine Fürsorgerolle, die eigentlich den Eltern auferlegt ist. Es ist eine Rolle, der Kinder entwicklungsbedingt noch nicht gewachsen sind und die sie organisatorisch wie auch emotional überfordert.

 

Wann kommt es zu Parentifizierung?
Zum Rollentausch zwischen Elternteil und Kind kommt es erfahrungsgemäß, wenn Eltern aufgrund körperlicher Einschränkungen, psychischer Probleme, psychosozialen Schwierigkeiten wie zeitlich begrenzten oder endgültigen Trennungen, finanziellen Schwierigkeiten oder anderen außerordentlichen Belastungen nicht in der Lage sind, ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Hauptgründe für das Auftreten von Parentifizierung sind Stressreaktionen, ausgelöst durch familiäre Krisen z.B. durch länger anhaltende Arbeitslosigkeit, chronische Krankheiten, Suchtproblematiken, eigene Erfahrungen materieller und emotionaler Vernachlässigung sowie unverarbeitete Traumata der Eltern bzw. eines Elternteils.

 

Arten von Perentifizierung und deren Ursachen
Parentifizierung wird in drei zentrale Kategorien unterteilt:

 

Emotionale Parentifizierung

Das Kind wird zur emotionalen Stütze für die Eltern (ein Elternteil). Es übernimmt die Rolle des Zuhörers, Trösters und Beraters weil die Eltern mit ihren eigenen Problemen überfordert sind. Auslöser sind häufig sehr herausfordernde Lebensumstände. Hierzu zählen zum Beispiel:

  • psychische Erkrankungen und/oder Suchterkrankungen

  • schwierige Beziehungen zum Lebenspartner oder den eigenen Eltern

  • Trennung, Scheidung, ungewöhnliche Todesfälle

Das Kind fühlt sich zu Lasten der eigenen emotionalen Entwicklung für das elterliche Wohlbefinden verantwortlich. Meist unterdrücken diese Kinder ihre eigenen Bedürfnisse, schämen sich dafür, selbst bedürftig zu sein oder haben deshalb Schuldgefühle. Auch haben sie Schwierigkeiten, zu erkennen wo die Grenzen der eigenen Belastbarkeit sind und diese abzustecken.

 

Instrumentelle Parentifizierung

Instrumentelle Parentifizierung trifft meist auf, wenn ein Elternteil körperlich eingeschränkt, zeitweise oder dauerhaft abwesend ist. Das Kind übernimmt dann die alltäglichen Verantwortungen in Form praktischer Aufgaben, die eigentlich den Eltern obliegen. Zum Beispiel   

  • das Führen des Haushaltes (Waschen, Putzen, Kochen)
  • die Betreuung und Erziehung jüngerer Geschwister
  • die Verwaltung finanzieller Angelegenheiten
  • die Pflege eines erkrankten Elternteils

 

Verdeckte Parentifizierung

Diese Form der Parentifizierung ist sehr subtil und daher besonders schwer zu erkennen. Diese Eltern stellen ihr Kind in ihren Dienst, ohne es aktiv dazu aufgefordert zu haben. Unbewusst projizieren sie ihre eigenen Bedürfnisse auf das Kind und das Kind passt sich diesen unausgesprochenen Erwartungen und (An)Forderungen der Eltern an. Es spürt instinktiv, möglicherweise schon pränatal, die emotionale Instabilität der Eltern und lernt unbewusst, eigene Wünsche zurückzustellen. Diese Kinder wollen gefallen und es anderen stets recht machen. Ihr Motto könnete lauten: geht es Dir gut - geht es mir gut. Darüber hinaus tragen sie ein intuitives „Wissen“ mit sich herum, keinen Ärger machen zu dürfen und nicht auch noch eine zusätzliche Belastung für die Familie darzustellen. Sie haben gelernt, zu funktionieren, unauffällig und unkompliziert händelbar zu sein um anderen "keine Umstände" zu bereiten. Betroffene in diesem Kontext sind i.d.R. Kinder von Eltern mit ausgeprägter Selbstwertproblematik und geringem Grad an Selbstreflexion. Prädestiniert für diese Art der Parentifizierung sind insbesondere Kinder, bei denen die Eltern ihrem Kinderwunsch auf - heutzutage zwar mögliche, jedoch nachweislich unnatürliche Art und Weise, "nachgeholfen" haben.

 

Symptome von Parentifizierung (Betroffene)

  • übermäßiges Verantwortungsgefühl und Perfektionismus
  • Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern
  • unverhältnismäßig hoher Reifegrad - wirken als Kinder bereits wie „kleine Erwachsene“
  • hohe Anpassungsfähigkeit (überangepasst) - zu Lasten der eigenen Identität
  • starke Leistungsorientierung + Angst, Fehler zu machen + Versagensängste
  • Erschöpfungsanzeichen, psychosomatische Beschwerden, BurnOut
  • Schwierigkeiten, einzufordern was ihnen zustehen (z.B. angemessenes Gehalt)
  • Pseudo- bzw. Scheinautonomie bei (unerfüllter) Sehnsucht, selbst Geborgenheit zu erfahren
  • Gefühl innerer Leere und Einsamkeit + diverse "geeignete" Überkompensationsstrategien, diese Leere zu füllen

Hinweise auf Parentifizierung - wie können Außenstehende Parentifizierung erkennen?
Hoher emotionaler Druck bei gleichzeitiger Überverantwortung - das ist es, was parentifizierte Kinder spüren. Die emotionale Belastung für ein parentifiziertes Kind ist enorm. Seine Überlebensstrategie ist, gefallen zu wollen. Dabei neigt es dazu, sich ständig um das Wohl seiner Familie zu sorgen und entwickelt ein unangemessen hohes Pflichtgefühl, sich um diese zu kümmern. Solche Kinder leiden unter Schuldgefühlen und einem hohen Maß an Versagensangst, wenn sie glauben, den Erwartungen ihrer Bezugspersonen nicht gerecht werden zu können.

 

Bleibt Parentifizierung unerkannt, kann dies langfristig zu erheblichen emotionalen Problemen für Betroffenen und deren Angehörige führen, wie z.B.Verhaltensauffälligkeiten und dysfunktionale Beziehungsmuster. Nicht selten leiden Betroffene unter chronischem Stress, Angstzuständen und Depressionen. Die permanent gefühlte Verantwortung bei gleichzeitig unbewusstem „Wissen“, dieser niemals gerecht werden zu können, bringt ein Gefühlinnerer Zerrissenheit mit sich, welches wiederum zu Schwierigkeiten mit dem Selbstwertgefühl des (ehemaligen) Kindes führt und in die Spirale zu erneutem psychosozialem Stress.

 

Die Folgen der Parentifizierung im Erwachsenenalter
Viele Betroffene erkennen erst im Erwachsenenalter, dass sie parentifiziert sind - auch weil diese Menschen häufig an diffusen Ängsten, extremen Stimmungsschwankungen, Übermotivation und/oder Antriebslosigkeit leiden - sie deshalb Möglichkeiten der Hilfestellung in Anspruch nehmen, wo die Parentifizierung bestenfalls auch erkannt wird. Erwachsene, die als Kinder parentifiziert wurden, können mit verschiedenen psychosozialen Problemen konfrontiert sein: geringer Selbstwert, fehlende Grenzen, Überforderung, unterdrückte Wut, Schuld- und Schamgefühle, Pseudoautonomie, falsche Loyalität, überhöhtes Pflichtgefühl, übersteigertes Harmoniebedürfnis, Suchtverhalten, destruktiv abhängige Beziehungsdynamiken - sowohl beruflich als auch privat. 

 

Erfahrungsgemäßt steht ein grundsätzliches Verhalten im Raum, welches von Überverantwortung und Selbstaufopferung geprägt ist. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, auf gesunde Art und Weise, Grenzen zu setzen. Sie geraten i.d.R. wieder in Beziehungen in denen die Gefahr der Co-Abhängigkeit besteht oder wo sie wieder die Versorger-Rolle (emotional oder materiell) übernehmen. Sie reproduzieren ihre alte Geschichte mit neuen Darstellern. So führt sie der in der Vergangeheit liegende Missbrauch der Parentifizierung zu emotionaler und körperlicher Erschöpfung und ins Burnout. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, ein langfristiges Trauma zu entwickeln, welches sich tiefgreifend auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung und Lebensqualität auswirkt. 

Wege zur Überwindung

Der erste Schritt zur Bewältigung der Folgen von Parentifizierung besteht darin, das Problem zu erkennen, zu verstehen und die Tatsachen zu akzeptieren - dies kann für viele Betroffene äußerst ernüchternd sein. Die wenigsten Menschen sind sich bewusst, wie sehr ihre Kindheitserfahrungen ihr Erwachsenenleben beeinflussen und bis zur "Bearbeitung" auch nachhaltig beeinträchtigen können. Professionelle Hilfe kann einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Spätfolgen bei Parentifizierung leisten. Selbstreflexion mit Hilfe eines geschulten Begleiters, welcher sich mit traumatischen Kindheitserlebnissen auskennt, kann helfen, Vergangenheit und Gegenwart klarer zu sehen. Arbeitsansätze wie individualpsychologische Beratung und systemisches Coaching können helfen, die zugrunde liegenden Muster zu erkennen und zu durchbrechen. Ein wichtiger Teil des eigenen Selbstfürsorge-Prozesses besteht darin, zu lernen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, anderen mutig Grenzen zu setzen und „nein“ zu sagen. Darüber hinaus: sich zu erlauben, das eigene Leben in allen Facetten zu genießen und auch Beziehungspartner ruhigen Gewissens in die Selbstverantwortung zu entlassen.

 

Verantwortung der Gesellschaft
Häufig bleiben Themen wie psychische Erkrankungen und damit verbundene Co-Abhängigkeiten, Traumata und emotionaler Missbrauch im Privaten, weil sie im Zuge jahrzehntelanger Stigmatisierung schambehaftet sind. Insbesondere Kinder können selten verstehen, dass in ihrer Familie etwas falsch läuft. Sie lieben ihre Eltern, übernehmen so allerdings auch ungesunde Muster und geraten in ähnliche problematische Dynamiken, die schwer zu durchbrechen sind und nachhaltig psychisch belasten. Erste Anzeichen, die darauf hinweisen können, dass Kinder unter Parentifizierung leiden, sind:

  • extreme Leistungsorientierung bzw. plötzlicher Leistungsabfall in der Schule
  • Verschlossenheit und Ängstlichkeit
  • ständige Müdigkeit
  • übermäßig erwachsenes Verhalten
  • Gereiztheit und schnelle Überforderung im Alltag

Bildung und Aufklärung können dazu beitragen, dass betroffene Kinder und Erwachsene die Hilfe bekommen, die sie brauchen, und tiefsitzende Kreisläufe zu durchbrechen und die entstandenen traumatischen Erlebnisse nicht auf die nächste Generation zu übertragen.

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